Genealogien der General Slocum: eintausend Quellendokumente hinzugefügt

Eingestellt von Sean Daly am 26.06.2023
General Slocum graphic

Am 15. Juni 1904 dezimierte die schreckliche Katastrophe des Dampfschiffs General Slocum, in New York City, die deutsch-amerikanische Gemeinschaft von Kleindeutschland: Mehr als tausend Frauen und Kinder kamen ums Leben. Bei Geneanet ehren wir die Opfer- und Überlebenden dieser Tragödie, indem wir das Leben aller bekannten Passagiere dokumentieren. Es handelt sich um ein kostenloses- und kollaboratives Projekt, das allen offen steht.

Front page of the New York Tribune, June 16, 1904, with news of the burning and sinking of the excursion steamer General Slocum
Kapitän William van Schaick erhielt die Unterstützung der Hafenmeister und Piloten von New York. Pastor Haas, der seine Frau, seine Tochter, seine Schwiegermutter und seine Schwägerin verloren hatte, erhielt das Beileid des Präsidenten und des Kaisers.

Wir haben bereits über diese vermeidbare Katastrophe geschrieben, die sich im East River in New York durch die Verkettung mehrerer Umstände ereignete: Gier- und Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit seitens der Schiffseigner; ein erfahrener Kapitän, der aber bereits ein Jahr vor der Pensionierung stand und der auf die eine- oder andere Weise, nie eine einzige Brandschutzübung durchführte. Der eine unbrauchbare Sicherheitsausrüstung duldete und nicht wusste, oder sich nicht darum kümmerte, dass in einer der Kabinen brennbare Materialien gelagert wurden. Inkompetenz- oder Korruption der Bundesinspektoren, die das Schiff als sicher bescheinigten. Ein Holzschiff, das mit brennbarer Farbe gestrichen war, dazu noch trocken wie im Sommer; eine unerfahrene Besatzung, die erst drei Wochen zuvor auf den Docks rekrutiert worden war; so wie eine Mehrheit der Passagiere, Frauen und Kinder, in ihren besten Kleidern, die nicht schwimmen konnten. Das Feuer, das erst entdeckt wurde als das Schiff, bei Gegenwind, durch den gefährlichen Hell Gate Channel fuhr, getrieben von einer steigenden Flut. Die Entscheidung des Kapitäns, im tiefem Wasser auf North Brother Island, statt an der flacheren Küste der Bronx auf Grund zu laufen, aus Angst, das Feuer könnte sich an Land ausbreiten. Mehr als tausend Passagiere ertranken- oder starben in diesem Feuer.

Side photo of the PS General Slocum in 1893
Die General Slocum, New Yorks größter dampfbetriebener Schiffspalast, im September 1893. Zwei Jahre nach ihrer Inbetriebnahme. Foto: Nathaniel L. Stebbins
Prow photo of PS General Slocum in 1893.
Im Oktober 1893 bei dem Segelbootrennen America’s Cup, südlich von New York, war die Slocum überfüllt mit Zuschauern. Im Jahre 1904 konnte man sagen, dieses Schiff hatte schon bessere Zeiten gesehen. Foto: Nathaniel L. Stebbins
Von dieser Anlegestelle, am Fuße der East 3rd Street in Kleindeutschland aus, gingen die Passagiere am Morgen des Picknickausflugs an Bord der Slocum. Foto: George Ehler Stonebridge, New York Historical Society
Die evangelisch-lutherische Kirche St. Marks in der East 6th Street in Kleindeutschland organisierte jedes Jahr am Ende des Sonntagsschulunterrichts einen Ausflug. Heute ist das Gebäude eine Synagoge; die Gemeinde brachte 2004 eine Gedenktafel für die Slocum-Opfer an. Aus der Sammlung Geneanet Postkarten.

Kleindeutschland

Ab den 1840er Jahren kamen viele Deutsche nach New York. Die meisten ließen sich in den 17th, 11th, 13th und 10th Wards nieder, die als Kleindeutschland, bzw. “Little Germany” (“Dutchtown” für die anderen New-Yorker) bekannt waren. Das spirituelle Herz von Kleindeutschland war die evangelisch-lutherische Kirche St. Marks, in der East 6th Street. dort wo der Pastor George C.F. Haas, in den vergangenen Jahren, Hunderte von deutsch-amerikanischen Paaren getraut hat.

Seit 16 Jahren organisierte die Sonntagsschule der St. Marks Church – in der der Unterricht auf Deutsch stattfand – jedes Jahr einen Picknickausflug nach Long Island. Die Wahl fiel natürlich auf die General Slocum, dem größten Schaufelraddampfer, der zusammen mit seinem Schwesterschiff, der Grand Republic, in den New Yorker Gewässern fuhr.

Da der 15. Juni ein Mittwoch und somit ein Arbeitstag war, schlossen sich nur sehr wenige Arbeiter dem Ausflug an; die meisten setzten ihre Familien an diesem Morgen an der Anlegestelle ab. Viele von ihnen würden ihre Familien nie wiedersehen. In den Jahren nach der Katastrophe nahmen sich mehrere, der untröstlich trauernden Väter, das Leben.

The burned hulk of the PS General Slocum, with only the metal armature and paddlebox visible
Die Zahl der Toten und Vermissten überstieg bei weitem die Zahl der Überlebenden der General Slocum.

Beileidsbekundung für Pastor Haas, von der lutherisch-evangelischen Kirche St. Marks

Über die Katastrophe wurde in der ganzen Welt berichtet. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. befand sich im Taunusgebirge, nördlich von Frankfurt, als Ehrengast des fünften jährlichen Gordon Bennet Cup Straßenrennens, das von dem millionenschweren Besitzer des New York Herald gesponsert wurde. Der Kaiser erfuhr am Tag des Rennens, dem 17. Juni, vom Ausmaß der Katastrophe und schrieb am nächsten Tag ein Telegramm an seinen Botschafter in Washington, Baron Speck von Sternberg, mit der Bitte, es an Pastor Haas weiterzuleiten:

Auf das tiefste erschüttert durch die Kunde, von dem unbeschreiblich entsetzlichen Unglück, welches die deutsch-lutherische Gemeinde getroffen, beauftrage ich Sie bei ihr der dolmetsch meines inningsten Mitgefühls zu sein.

The Gordon Bennett Cup road race of 1904 near Frankfurt
Kaiser Wilhelm II. besuchte das Straßenrennen Gordon Bennett Cup, in Bad Homburg vor der Höhe, in der Nähe von Saalburg, als er von der Tragödie in New York erfuhr.
Kaiser Wilhelm II of Germany in 1904
Kaiser Wilhelm II im Jahr 1904.
Der Kaiser beauftragt seinen Botschafter in Washington, seine Beileidsbekundung, an Pastor Haas weiterzuleiten. Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, file RAV 292/43.
Telegram from German Ambassador Baron von Sternburg to Pastor Haas
Baron Speck von Sternburg leitete die Nachricht des Kaisers sofort an Pfarrer Haas weiter, dem er bereits sein Mitgefühl bekundet hatte. Lutheran Archives Center at Philadelphia.

Kaiser Wilhelms Gattin, Kaiserin Auguste Victoria, übermittelte ebenfalls über den Botschafter tief bewegt ihr Beileid:

Ire majetaet die kaiserin und koenigin hat mich beauftragt allerhoechstihre herzlichst teilnahme zum ausdruck zu bringen zu dem namenlosen ungluect das so schweres leid ueber hunderte von deutschen familien gebracht hat euer hochwuerden bitte ich auch dieses zur kenntnis der beteiligten bringen zu wollen.
Der Kaiserliche Botschafter, Sternburg.

Telegram from Ambassador von Sternburg transmitting the condolences of the Kaiserin Auguste Victoria
Telegramm von Kaiserin Auguste Victoria an Pfarrer Haas, übermittelt durch Botschafter Freiherr von Sternburg. Lutheran Archives Center at Philadelphia.

Später verlieh die Kaiserin Medaillen, an die Krankenschwestern des Krankenhauses auf North Brother Island, die die Passagiere gerettet- und versorgt hatten.

George B. McClellan Jr., ein ehemaliger Journalist und Anwalt, der als Sohn amerikanischer Eltern in Dresden geboren wurde und der kürzlich in New York City zum Bürgermeister gewählt worden war, zeigte sich von der Slocum-Katastrophe tief betroffen. Er reiste sofort zur Insel North-Brother und zum provisorischen Leichenschauhaus. Dann organisierte er ein Komitee, das Spenden für die Familien der Opfer sammelte. Leider führte die Auszahlung dieser Gelder, in den Monaten nach der Katastrophe, zu einem Bruch zwischen der Vereinigung der Überlebenden, die der Meinung war, dass alle verfügbaren Gelder an die Familien gehen sollten. Pastor Haas war dagegen der Meinung, daß die verbleibenden Gelder zur Finanzierung der Kirche, deren Gemeinde dezimiert worden war, verwendet werden sollten.

Bürgermeister George B. McClellan Jr. organisierte schnell ein Spendenkomitee, um den Familien der Opfer der Slocum zu helfen.

Präsident Theodore Roosevelt telegrafierte aus Washington an Pastor Haas: “Bitte nehmen Sie mein tiefes Mitgefühl an, das Sie und die Gemeinde in diesem schrecklichen Unglück getroffen hat. Ich bin unaussprechlich schockiert und tief betrübt”.

Telegram from President Theodore Roosevelt to Pastor Haas
Telegramm von Präsident Theodore Roosevelt. Lutheran Archives Center at Philadelphia.
Die persönlichen Gegenstände der Opfer wurden sorgfältig in nummerierten Umschlägen gesammelt und in das provisorische Leichenschauhaus gebracht. Einige Familien konnten ihre Angehörigen nur anhand des Schmucks oder der Kleidung, die sie trugen, identifizieren. Foto: George Ehler Stonebridge, New York Historical Society
General Slocum monument in All Faiths (formerly Lutheran) Cemetery, Middle Village, Queens, New York City
61 nicht identifizierte Opfer der Slocum-Katastrophe wurden auf diesem Denkmal, auf dem lutherischen Friedhof (heute All Faiths genannt) in Middle Village, Queens, beerdig. Jedes Jahr wird dort eine Zeremonie zum Gedenken abgehalten, die dieses Jahr am Samstag, den 17. Juni stattfindet.

Im Rahmen des Projekts General Slocum wurden mehr als tausend Zertifikate hinzugefügt

Fast zwei Jahre sind seit dem Start unseres kollaborativen Baumprojekts vergangen, und heute gibt es:

  • 1000 Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden der Stadt New York City
  • 4000 Personen im Baum, von denen viele in Deutschland geboren wurden
  • 100-te Fotos der Opfer und Überlebenden, aus zeitgenössischen Zeitungen und von den Familien

Bei der Einschiffung am Morgen des 15. Juni 1904 wurde keine genaue Zählung der Passagiere vorgenommen, daher unterscheidet sich jede Passagierliste in der Anzahl. Bisher haben wir 1373 Passagiere gezählt, und die Freiwilligen des Projekts fügen weiterhin regelmäßig Passagiere und deren Familien hinzu.

Die Öffnung der Zivilstandsregister der Stadt New York, vor einem Jahr, hat die Genealogie dieser Stadt verändert und unsere Forschung über die Familien aus Slocum vereinfacht. In vielen Fällen wurden die deutschen Familiennamen von nachlässigen städtischen Standesbeamten verändert, oder völlig falsch geschrieben. Die sorgfältigen Nachforschungen der Freiwilligen von Geneanet haben es ermöglicht, einzelne Namen auf den Opferlisten wiederzufinden und sie mit ihren erweiterten Familien zusammenzuführen.

Wir haben über einige der Slocum-Familien geschrieben, wie z.B. die Zieglers deren Tochter Emily, zum Entsetzen ihres Verehrers John Flammang Schrank, des späteren Mörders von Theodore Roosevelt, ums Leben kam. Oder auch von Walter Bernard Miller, der als Sohn deutscher Einwanderer in New York geboren wurde und bei Luftkämpfen im Ersten Weltkrieg ums Leben kam.

Es handelt sich hier um ein gemeinschaftliches Projekt. Jeder, der an den Stammbäumen der Slocum-Passagiere mitarbeiten möchte, ist herzlich willkommen! Zögern Sie nicht, uns eine Nachricht zu schicken, wenn Sie Fragen haben.

Auf Geneanet können die Quellen sowohl wörtliche Zitate, Weblinks zu Quelldokumenten, Aufzeichnungen oder ein angehängtes, digitalisiertes Dokument sein.
Portrait photo of Walter Bernard Miller in 1916
Walter Bernard Miller überlebte als Kind die Katastrophe der Slocum. Er verlor dabei seine Eltern und seinen jüngsten Bruder. Er wuchs bei seiner deutschen Großmutter ion Amerika auf und trat in die US-Marine ein. Als der Krieg ausbrach, meldete er sich zunächst freiwillig als Sanitäter im Elsass und später als Flieger im Lafayette Flying Corps. Am 3. August 1918 wurde er über Frankreich abgeschossen.

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